Ich schreibe ungefähr, seitdem ich lesen kann. Außerdem habe ich eine Art foto-biografisches Gedächtnis: Von alltäglichen Anekdoten bis zu umfangreichen biographischen Zusammenhängen kann ich so ziemlich alles im Kopf behalten, was mir erzählt wird – solange es nichts mit Zahlen zu tun hat.

Seit Jahrzehnten amüsiert sich meine Familie darüber, dass Eltern und Großeltern sich auf meine allabendliche Bitte „Erzähl‘ mir etwas In-echt-Passiertes aus Deinem Leben!“ immer wieder etwas aus den Fingern saugen mussten. Schließlich tischten die gebeutelten Anverwandten mir einfach Märchen auf. Sie dachten, dass ihre eigenen Geschichten auf Dauer nicht spannend genug seien. (Als ich das herausfand, war ich sehr enttäuscht, weil alle andere waren, als die, für die ich sie gehalten hatte: Meine Großmutter konnte gar nicht mit Eichhörnchen sprechen und mein Vater war zwar ein Keiser (haha, das Schlitzohr), aber ohne „a“ und Aussichten auf ein eigenes Land!)

 

Trotzdem glaube ich noch immer daran, dass jeder Mensch eine interessante, hörenswerte Geschichte hat. Bei manchen ist es ihr Leben, bei anderen eine Vision. Manchmal ist es beides. Einige von uns schaffen es sogar, ihre Ideen zu verwirklichen und schreiben dann mit dem Beruf (ihre) Geschichte.

 

Bevor ich aber darauf kam, meine Freude an Erzählungen und dem später hinzugekommenen Formulierungs-Talent zum Beruf zu machen, unternahm ich erst einmal das, was die meisten Leute auf dem Weg zu ihrer Berufung machen: eine Reihe von Umwegen (eine tabellarische Wegbeschreibung findet sich in der Keiserchronik).

 

Vielleicht hatte das Schicksal irgendwann einfach keine Lust mehr, mit dem Zaunpfahl zu winken, und änderte deswegen seine Taktik: Es schickte mir einen Geistesblitz. Ich guckte gerade meiner Wäsche beim Sauberwerden zu (im Übrigen eine außerordentlich meditative Angelegenheit) und plötzlich fiel mir die „Maßschreiberei“ ein.
Ich wusste sofort, dass es das ist, was ich immer machen wollte: Von der Seele auf den Leib schreiben – und zwar fast alles, was Menschen be- und geschrieben brauchen: Internetseiten, Blogs, Artikel, Bücher, SEO-Texte, Businesspläne, Bewerbungsschreiben, Profile für Dating-Portale, sehr persönliche Zeilen (wie Liebesbriefe oder Kondolenzschreiben), Schüttelreime für Familienfeste und und und. Ich glaube, ich kann so ziemlich alles authentisch formulieren, was im täglichen Leben gebraucht wird.

 

Meine Arbeit kostet jedoch mindestens ein Menschenleben – denn das muss mir erzählt werden, damit ich ein Gefühl für die Person und deren Ausdruck entwickeln kann. Ok, ok, erwischt, aber wie äußert man als Erwachsene sonst die Bitte „Erzähl‘ mir etwas In-echt-Passiertes aus Deinem Leben“?